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September 2010
|
ML Mona Lisa ZDF 15.11.09, 18.oo Uhr
"Hier kommst du nie mehr raus!"
Erinnerungen an den Jugendwerkhof Torgau
Erziehung in der DDR war auch Sache des Staates. Ziel war die Erziehung zu einer "sozialistischen Persönlichkeit". Wer sich nicht anpasste, dem konnte es passieren, dass er in ein Heim kam. Und wer auch hier nicht funktionierte, kam in den "Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau" in Sachsen. Mehr als 4000 aufmüpfige Jugendliche sollten hier über die Jahre auf Kurs gebracht werden. Ein lange vergessenes Kapitel DDR-Geschichte. Bis heute haben nur wenige Betroffene ihr Schweigen gebrochen. Kerstin Kuzia hat es für ML getan.
Schon von klein auf hatte es das Leben mit Kerstin Kuzia nicht gut gemeint. Sie kann sich nicht erinnern, dass sie mal in den Arm genommen wurde. Wegen Bettnässens kommt sie mit sechs Jahren in die DDR-Kinderpsychiatrie. Später schiebt die Mutter sie ab, Kerstin kommt von einem Heim zum anderen. Die Endstation: Torgau. Sie ist 16 Jahre alt, als man sie im August 1984 dorthin bringt: "Eigentlich bestand der ganze Körper nur noch aus Angst und Panik. Man hatte das Gefühl, hier kommst du nie wieder raus, das schaffst du nicht mehr."
Grausame Erinnerungen Die in Torgau übliche Aufnahmeprozedur ist ein Schock für das junge Mädchen: Ihr werden die langen Haare geschoren, sie wird in einen Waschraum geführt, muss sich nackt ausziehen, eine Leibesvisitation und Desinfektion des ganzen Körpers wird durchgeführt. Spätestens jetzt ist Kerstin klar, dass sie den Erziehern vollkommen ausgeliefert ist: "Ich wollte nicht weinen, um dem Erzieher nicht die Genugtuung zu geben. Aber das ging gar nicht anders. Hier haben die Jungs genauso geweint wie die Mädels." Zum "Eingewöhnen" wird die 16-Jährige, so wie alle Insassen, erst einmal in die Aufnahmezelle gesperrt, sieben Quadratmeter groß, eine Pritsche, ein Fäkalieneimer. Sie ist fast noch ein Kind, wird aber schlimmer behandelt als so mancher Schwerverbrecher - von den Erziehern, aber auch von den anderen Jugendlichen. Quälen und gequält werden gehört hier zum Alltag: "Verkloppt, verprügelt, oder mit dem Kopf in den Fäkalieneimer gesteckt, die Hackordnung und Gruppendynamik war hier sehr extrem. Jeder hat versucht zu überleben."
Strafen statt Erziehen Zu überleben in einer Welt, die geprägt ist vom sich unterzuordnen, reibungslos zu funktionieren, zum Wohle des Arbeiter- und Bauernstaats. Sogenannte erziehungsschwierige Jugendliche sollen in Heimen und Werkhöfen zur "sozialistischen Persönlichkeit" umerzogen werden. Verantwortlich für den Jugendwerkhof Torgau ist damals Margot Honecker, Ministerin für Volksbildung in der DDR. Es herrscht eisernes Schweigen darüber, was hinter den Mauern von Torgau geschieht.
Der Willkür ausgeliefert Heute will keiner der Verantwortlichen von damals ein Interview geben. Aber in einem Film des MDR aus dem Jahr 2005 ist die Einstellung der ehemaligen Erzieher gegenüber ihren Zöglingen dokumentiert. Darin sagt Siegfried Henze, ehemaliger Erzieher im "Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau": "Weicheier waren das. Die konnten sich nicht damit abfinden, dass sie mal zehn Runden im Hof laufen können mussten. Unsere Jungs, unsere Mädchen waren am Ende dankbar, dass sie so viel Energie hatten." Energie? Man könnte es eher als totale Knebelung bezeichnen. Es gibt keine Rückzugsmöglichkeiten, selbst der Gang zur Toilette erfolgt nur in der Gruppe und immer unter der Kontrolle des Erziehers. Nachts muss absolute Stille herrschen. Als Kerstin mit der Bettnachbarin tuschelt, kommt ein Erzieher, zerrt das Mädchen im Nachthemd die Kellertreppe hinunter in die Dunkelzelle. Nie wird sie die Gefühle dieser Schreckensnacht vergessen: "Ohnmächtige Angst vor dieser Dunkelheit, dieser Einsamkeit, dass man mich hier drin vergisst. Überleb ich's? Was wird mit mir hier unten gemacht, was passiert mir hier? Werde ich wieder rausgeholt? Komme ich hier wieder raus?"
Traumatische Belastungen Bei den Jugendlichen herrscht die blanke Angst, purer Zynismus bei den Erziehern. Der ehemalige Erzieher Henze im Film: "Die haben bei uns nichts erlebt, was ein Jugendlicher nicht verträgt." Viele Jugendliche in Torgau versuchen sich umzubringen. Sie schneiden sich die Pulsadern auf, schlucken Schrauben, trinken Säure. Nicht wenige sterben. Doktor Horst Weber, der Arzt, der zwei Mal die Woche in den Jugendwerkhof kommt, weiß was hier geschieht, aber damals schweigt er. In einem Interview nach der Wende versucht er sich zu rechtfertigen: "Es war zu DDR-Zeiten nicht üblich, solche Dinge in der Öffentlichkeit abzuhandeln. Wenn man einen nicht ganz gut kannte, also Schnauze halten, weiter dienen." Genau daran sind viele ehemalige Zöglinge zerbrochen. Sie leiden an Depressionen und Panikattacken, sind häufig früh verrentet. Auch Kerstin Kuzia versucht mit dem Trauma ihrer Kindheit fertig zu werden. Ihr hilft es auch, immer wieder über das Erlebte zu sprechen. Jedes Gespräch, so sagt sie, sei ein Herausschreien, ein Stück Befreiung. Für jeden Monat in Torgau hat Kerstin Kuzia 300 Euro Haftentschädigung bekommen, insgesamt 1500 Euro für ihr geraubtes Leben. Drill, Demütigung, Folter. Gefürchtet wird der Entengang über die Stockwerke, auch von Kerstin Kuzia: "Wir mussten 30 Mal hoch und runter. Und wehe, wir haben uns irgendwo abgestützt, weil man vielleicht ins Wanken kam, die Hand abgestützt, dann kam entweder die Hand vom Erzieher geflogen oder der Erzieher hat einem auf die Hände getreten." Oder der sogenannte Torgauer Dreier: Vom Liegestütz in die Hocke zum Strecksprung, bis zu 150 Mal hintereinander. Kaum ein Tag vergeht ohne Strafsport als Erziehungsmaßnahme für geringste Vergehen: "Es reichte schon aus, wenn ich in der Reihe nicht richtig ausgerichtet stand: 'Kuzia bitte ausrichten'. Dann hieß es für die gesamte Gruppe drei Runden mehr laufen auf dem Hof." http://monalisa.zdf.de/ZDFde/inhalt/29/0,1872,7927677,00.html
15.11.2009, 16:09 von susa70 |
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