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"Verhöre durch die Stasi waren schlimm"

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"Verhöre durch die Stasi waren schlimm"

"Verhöre durch die Stasi waren schlimm"

Sohn von DDR-Außenminister erinnert sich

Mathias Gubo

TAUNUSSTEIN Für Rudolf Dertinger ist der 3. Oktober ein "beglückender Tag". Nicht nur, weil der älteste Sohn des ersten Außenministers der DDR als 15-Jähriger von der Stasi verhaftet und für mehr als dreieinhalb Jahre eingesperrt wurde.

Der heute fast 70-jährige Journalist, der in Taunusstein lebt, erinnert sich noch sehr genau an jenen Tag, der sein Leben und das seiner Familie für immer verändern sollte: Es war am 15. Januar 1953 gewesen, als Rudolf aus der Schule in Heiligenstadt geholt und von zwei Männern der Staatssicherheit in die Dienstvilla seines Vaters nach Berlin gebracht wurde. Georg Dertinger, der bei der Ulbricht-Regierung in Ungnade gefallen war, und seine Frau waren zu dieser Zeit schon verhaftet, die Kinder wurden von der Stasi in dem Haus in Pankow in Arrest gehalten. "Wir haben nicht richtig begriffen, was passiert ist", erinnert sich Rudolf Dertinger. Seine Schwester Oktavia war damals 13, sein Bruder Christian neun Jahre alt.

Rudolf Dertinger wird mit seiner Schwester Mitte Februar 1953 in den Jugendwerkhof Bräunsdorf bei Freiberg gebracht, kurz vor Weihnachten dann in das Untersuchungsgefängnis der Stasi nach Chemnitz. Man wirft dem 15-Jährigen Spionage für den US-Geheimdienst vor. Im April 1954 wird er zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Die sitzt er im Jugendzuchthaus Dessau ab, macht dort eine Tischlerlehre. Im Juni 1956 wird er vorzeitig aus der Haft entlassen, flieht im Februar 1957 nach Westberlin.

Die Verhöre durch die Stasi seien schlimm gewesen, sagt Dertinger, "die karge Zelle mit permanenter Beleuchtung" haben sich in seine Erinnerung eingebrannt. "Sehr unsicher" sei er nach seiner Zeit im Zuchthaus gewesen, beschreibt er seine Gemütslage als 19-Jähriger. Viel schlimmer traf es seinen jüngeren Bruder, der von der Stasi Pflegeeltern übergeben wurde. Seine Schwester kam zur Großmutter. Denn die Eltern saßen im Gefängnis: Georg Dertinger wurde zu 15 Jahren verurteilt, seine Frau nach acht Jahren entlassen.

Er habe nie eine Beziehung zu seinen Eltern aufbauen können, stellt Dertinger fest. Dies sagt er fast emotionslos, doch seine unruhigen Finger zeigen, wie nahe ihm die Erinnerung immer noch geht. "Ich musste alles mit mir alleine ausmachen", beschreibt er den stark introvertierten Menschen, der er nach seiner Flucht in den Westen war. In Köln schlug er sich zunächst als Lkw-Fahrer und Busschaffner durch. Seine journalistische Laufbahn begann mit einem Volontariat beim WDR. Später war er Chefredakteur einer technischen Fachzeitschrift. Die Frage, ob er Hassgefühle auf die DDR empfindet, verneint Dertinger vehement. "Nur Unverständnis, wie ohne Not eine ganze Familie zerstört wurde." Seinen Vater hat Rudolf Dertinger nur mehr einmal gesehen, 1966 nach dessen Entlassung in Leipzig.

An den 3. Oktober 1990 erinnert sich Dertinger genau: Vor seinem Haus in Bonn hatte er eine schwarz-rot-goldene Fahne geflaggt und eine besonders gute Flasche Champagner geköpft. Ost- und Westdeutschland wachsen zusammen, da ist Rudolf Dertinger zuversichtlich. "Auch wenn es dauert".

http://www.wiesbadener-tagblatt.de/region/objekt_a.php3?artikel_id=2547358

07.01.2009, 14:43 von susa70 | 740 Aufrufe
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