Willkommen, Gast!   de
Jugendwerkhof.eu  

Mitteilung

Aufgrund aktueller Vorkommnisse die das herrabwürdigen der Insassen des geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau beinhalten ergeht hier folgende Mitteilung:
Die Betreiber dieser Community distanzieren sich ganz deutlich von den Aktionen des Herrn Robby Basler und des DEMO- Landesvereines Hessen e.V!!

Unterstützen

Über jede noch so kleine Unterstützung für das Projekt würden wir uns freuen:


Deine Hilfe per Paypal, hier klicken:


Danke

Wer ist online?

Klappen
  • Gäste: 60

Neue Mitglieder

Avatar
04.02.2012, 22:45
Avatar
02.02.2012, 18:49
Avatar
28.01.2012, 23:01
Avatar
24.01.2012, 23:17
Avatar
24.01.2012, 21:17

Mein Richard / Stefan Heym (1974)

Seite drucken Als PDF exportieren

Mein Richard / Stefan Heym (1974)

Keiner wohnt mehr in dem Haus. Es soll abgerissen werden, habe ich gehört; vielleicht wird sogar die ganze Straße geräumt — obwohl die Grenze, die hier schräg einfällt und im rechten Winkel wieder abschwenkt, nur dieses eine Haus berührt. Richard haben sie in den Jugendwerkhof geschickt. Einmal die Woche darf ich ihn dort besuchen; dann berichtet er mir, dass es ihm gut geht und dass die Erzieher mit seiner Arbeit zufrieden sind; er ist nicht renitent, war es nie; aber um den Mund her­um hat er einen harten Zug bekommen, der vorher nicht da war. Und das tut weh. Denn im Grunde ist es meine Schuld, ich gebe es zu: Ich habe ihn nicht richtig erzogen ich, eine alte Genossin und Witwe eines alten Genossen, der stets an verantwortungsvoller Stelle stand; wie sonst hätten wir in einem Haus wohnen dürfen, das direkt an der Grenze liegt? Ich habe meine Aufsichtspflicht nicht richtig erfüllt. Heutzutage muss man ein wachsames Auge haben auf seine Kinder; sie haben gelernt, eines zu sagen und ein anderes zu denken, und sie haben diese distanzierte Art, durch die man so schwer hindurchdringt, und dieses Lächeln, so als wollten sie einem bedeuten: Und du glaubst das, Muttchen, du glaubst wirklich, was du mir da vorbetest? Ich hätte merken sollen, dass er zu häufig ausging und zu spät nach Hause kam, mit dem Jungen von unten, der zufällig auch Richard heißt, Richard Edelweiß, und der anderthalb Jahre älter ist als mein Richard, aber jünger wirkt, weil er klein und schmächtig ist und blonde Löckchen und porzellanblaue Augen hat wie seine Mutter. Richard Edelweiß musste nicht in den Jugendwerkhof; ihn haben sie von der Schule weg in die Armee gesteckt. Auch sein Vater hat seinen Posten als Leiter der Exportabteilung des Bereichs Kosmetik der Vereinigung Volkseigener Chemiebetriebe nicht verloren, so wie mir in meiner weit weniger wichtigen Stellung geschah; aber das erklärt sich daraus, dass seine Scheidung, sechs Wochen bevor unsere Organe die wiederholten Verletzungen des Passgesetzes entdeckten, Rechtsgültigkeit erlangte; weshalb Herr Edelweiß für die Erziehung und das Verhalten seines Sohnes Richard nicht mehr verantwortlich war. Ich hätte erkennen sollen, dass mein Richard zusammen mit Richard Edelweiß ein Doppelleben führte; ich hätte seine Angaben darüber, wie er seine Abende verbrachte, nachprü­fen sollen. Eltern, erklärte die Richterin, besonders solche, die alte Genossen sind, sollten stets mit den Lehrern ihrer Kinder Verbindung halten und ebenso mit der FDJ-Leitung an der Schule; hätte ich das getan, betonte sie, so würde ich sehr bald festgestellt haben, dass mein Richard auf den FDJ-Veranstaltungen gefehlt hatte, auf denen er gewesen sein wollte, und dass er auch nicht in der Arbeitsgemeinschaft für Biologie war oder in der Arbeitsgemeinschaft für Russisch, sondern ganz woanders.

Ich habe es versäumt nachzuprüfen. Ich habe Richard vertraut. Oder wenn ich‘s mir jetzt, im nachhinein, überlege, habe ich ihn nicht fragen wollen, aus Furcht, ich könnte bei ihm wieder das Lächeln und diesen Ton in der Stimme erzeugen, die anzeigten, dass die Jalousie heruntergegangen war zwischen mir und meinem eigenen Kind. Wenn ich‘s mir jetzt überlege, dann glaube ich, ich hatte schon eine Art Vorahnung, als der junge Mann plötzlich in mein Büro trat und „Frau Zunk?“ sagte. Sicher ist jedenfalls, dass ich nicht so ganz überrascht war, wie ich doch wohl hätte sein sollen. Ich erriet sofort, von welcher Stelle der junge Mann kam — das mochte allerdings auch an seiner Haltung gelegen haben: Er gab sich ein wenig zu lässig. „Wir möchten nicht, dass Sie sich unnötig ängstigen, Frau Zunk“, sagte er, während er einen Stuhl vor meinen Schreibtisch schob und darauf Platz nahm. „Aber Ihr Sohn wird heute nicht von der Schule nach Hause kommen.“ „Wo ist Richard?“ fragte ich schrill und erschrak über den Ton meiner Stimme. ‚Wir mussten ihn in Haft nehmen.“ Ich dachte an Richard, wie er drei Jahre alt war und Diphtherie hatte und keine Luft mehr bekam und der Arzt den Einschnitt in den Hals machen musste. Mein Herz krampfte sich zusammen wie damals. „Ist ihm etwas zugestoßen?“ „Zugestoßen? Wieso?“ Er schlug die Beine übereinander. „Wir haben ihn aus dem Schulzimmer herausholen lassen, und er ist hübsch brav mitgekommen. Ich kann Ihnen versichern, es geht ihm den Umständen entsprechend gut.“

15 „Aber was hat er denn verbrochen?“

Er schien nicht gehört zu haben. „Können Sie mir sagen, Frau Zunk“, erkundigte er sich, „wo Sie vorgestern Abend zwischen 19 und 23 Uhr waren?“ „Vorgestern Abend?“ Den Umständen entsprechend gut, hatte er gesagt, aber was hieß das? „Natürlich weiß ich, wo ich vorgestern Abend war.“ „Also?“ Montag war DFD-Versammlung gewesen; Dienstag Gewerkschaftsleitung, Diskussion des Betriebskollektivvertrages; vorgestern Abend; das war Mittwoch Mittwoch war Deutsch-Sowjetische Freundschaft, ein Film über die Baumwollernte in der Usbekischen Sowjetrepublik wurde gezeigt, und eine von unseren Frauen hat von ihrer Moskaureise erzählt. Er war gelangweilt. „Sind Sie von Ihrem Büro aus nach Hause gekommen, bevor Sie sich zu der Versammlung der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft begaben?“ „Nein“, sagte ich schuldbewusst. „Ich bin direkt zur Versammlung gegangen. Sehen Sie, vor dem Film fand noch eine Vorstandssitzung statt, und ich bin stellvertretende Vorsitzende, und wenn ich erst noch nach Hause gelaufen wäre, dann wäre ich zu spät zu der Vorstandssitzung gekommen. Folglich hatte ich Richard schon am Morgen gesagt, er möchte sich sein Abendbrot selber machen und dann die Teller abwaschen. Ja, das habe ich ihm gesagt.“

„Und hat er Ihnen etwas von seinen Plänen für den Abend angedeutet?“

35 „Er hat gesagt, er würde vielleicht zu Richard runtergehen, der Junge von unten, sein Freund, heißt nämlich auch Richard..

„Ich weiß“, sagte er, „Richard Edelweiß. Und wie Sie dann von Ihrer Deutsch-Sowjetischen Freundschaftsversammlung nach Hause kamen — das war wann?“ „Kurz nach elf, glaube ich.“

40 „Wie Sie also von Ihrer Versammlung nach Haus kamen, wo war da Ihr Sohn Richard?“

„In seinem Zimmer“, sagte ich, „er zog sich gerade aus. Er hat doch nichts gestohlen?“

„Hat er erwähnt, wo er am Abend war?“

45 „Ich nahm an, dass er bei Richard war, dem Richard von unten, sie hören sich da öf-

ters Platten an, stundenlang, das schreckliche Gejaule, aber ihnen gefällt‘s, es ist eben eine andere Generation, manchmal kriegt man direkt Angst, er hat doch nichts getan — nichts Gewalttätiges?“ „Es handelt sich nicht um ein Vergehen dieser Art“, sagte der junge Mann, wobei er s das dieser Art betonte, als wären Diebstahl und Gewaltverbrechen unter seinem Niveau, kleine Fische. Dann stand er auf. „Ziehen Sie sich Ihren Mantel an.“ Und da er bemerkte, dass ich ein Schreibtischschubfach aufzog: „Lassen Sie bitte alles, wie es ist.“ Ich war zu betäubt, um zu widersprechen. Er benutzte mein Telefon, bedeckte dabei die Sprechmuschel. Kaum hatte er den Hörer hingelegt, wurde die Tür aufgestoßen, und herein eilten Genosse Otter, der Parteisekretär, und Genosse Dr. Wieland, der stellvertretende Werkleiter, beide etwas atemlos und wie aufs Stichwort. Genosse Dr. Wieland sagte: „Ich habe dir mitzuteilen, Genossin Zunk, dass du vorläufig von deinem Posten als Leiterin der Einkaufsabteilung beurlaubt bist; dein Gehalt läuft bis zu einer endgültigen Entscheidung weiter.“ Genosse Otter blickte mich sorgenvoll an; ich wünschte, er hätte ein Wort zu mir gesprochen; im Grunde war er ein wohlmeinender Mensch, der die Probleme der Leute verstand, auch wo er sie nicht lösen konnte; doch Genosse Otter schüttelte nur den Kopf.

Unten wartete ein Wagen. Ein Unbekannter stieg ein und setzte sich neben mich; der junge Mann, der hinaufgekommen war und mit mir geredet hatte, saß vorn neben dem Fahrer. Während der ganzen Fahrt sah ich von ihm nur den Nacken und seinen Hemdkragen; der war durchgeschwitzt. Ich hätte gern gewusst, wohin sie mich brachten, hatte aber nicht den Mut zu fragen; es geht ihm den Umständen entsprechend gut, der Satz hatte sich im Gehirn festgehakt; den Umständen entsprechend, wie gut konnte es Richard gehen, wo er jetzt war?

Der Wagen hielt an; sie hatten mich nach Hause gefahren. Die Männer sprangen heraus, der mit mir in meinem Büro gesprochen hatte, nahm mich beim Arm, als wollte er mir über die Pfütze helfen, die noch von dem Regen am Morgen auf der Straße stand; doch ließ er meinen Arm auch nicht los, nachdem ich den Schritt über die Pfütze getan hatte. Der Hauseingang war offen; ganz kurz erblickte ich vor ihrer Wohnungstür Frau Edelweiß, das Gesicht teigig grau, die Augen weit aufgerissen vor Angst. Die zwei führten mich nach oben. Richards Zimmer und meines waren beide voller Menschen, davon mehrere in Uniform. Die Zimmer machten den Eindruck, als wären sie durchsucht und danach sorgfältig wieder in Ordnung gebracht worden. Ein Photograph machte Aufnahmen, wie im Film, wenn einer ermordet worden ist. Ein Mann von der Statur meines Richard zog sich die Jacke aus und kletterte aus dem Fenster von Richards Zimmer und sprang auf das Dach der Garage, in der Herr Edelweiß seinen Polski Fiat noch immer stehen hat, und trat an den Dachrand und tat, als wollte er über den Stacheldrahtzaun hinüber in den Westen springen, und jede seiner Bewegungen wurde gleichfalls photographiert. Diesseits des Zaunes ließen ein paar Grenzpolizisten ihre Hunde nach Spuren suchen. Auf der anderen Seite, deutlich erkennbar zwischen den Bäumen, stand die Westpolizei und beobachtete die Vorgänge, und ein amerikanischer Soldat blickte immer wieder durch ein großes Fernglas auf uns, und ich dachte: 0 mein Gott, sie haben Richard bei versuchter Republikflucht ertappt. Aber wieso hat der junge Mann mir denn gesagt, sie hätten Richard aus dem Schulzimmer holen lassen und dass er hübsch brav mitgekommen wäre? Und dann begann etwas in meinem Kopf zu surren. Ich hörte mein eigenes Schluchzen und meine verzweifelten Rufe: „Ich will meinen Jungen! Ich will meinen Jungen sehen!“ Der junge Mann, der in meinem Büro s mit mir geredet hatte, trat hastig zu mir und sagte: „Beruhigen Sie sich doch, Bürgerin“, aber ich spürte, dass auch er ganz durcheinander war, denn die Angehörigen der Behörde sind es wohl nicht gewohnt, dass man sie anschreit.

Sie ließen mich auf der Couch in meinem Zimmer ausruhen. Ich sah sie zwischen halbgeschlossenen Lidern hindurch, sie waren wie Figuren in einem Spiel, die sich sonderbar bewegten, und ich hörte einen von ihnen sagen: „Jetzt ist es wohl ziemlich klar“, und ein anderer erwiderte nachdenklich: „Ich möchte nur herausbekommen, wie lange das schon so geht“, und eine dritte Stimme prophezeite: „Das wird sich erweisen, mach dir keine Sorge“, und jemand reichte mir eine Tasse Kaffee und wollte wissen, ob ich glaubte, ich könnte ihm ein paar Fragen beantworten, und ich sagte, ja, ich glaubte schon. Er war ein älterer Mann mit etwas gekrümmten Schultern; der, der zu mir ins Büro gekommen war, benahm sich ihm gegenüber ehrerbietig. „Sie brauchen nicht aufzustehen, Frau Zunk, wenn Sie nicht möchten“, sagte der Ältere. Ich trank einen Schluck und sagte, ich würde mich schon bald wieder wohl fühlen und ob ich nicht vielleicht erfahren könnte, was mein Richard verbrochen hätte, das so schlimm sei, dass so viele Menschen sich damit beschäftigen mussten. Er hob die schon angegrauten Brauen. „Ich kann Ihnen da nichts mitteilen, bis wir mit der Untersuchung fertig sind und wissen, wer noch in die Angelegenheit verwickelt ist und wie weit sie gegangen ist. Sie sind eine alte Genossin, hat man mir gesagt. Sie wissen also, dass der antifaschistische Schutzwall, den wir zwischen unserer Republik und dem Territorium West-Berlin errichten mussten, keine Sache ist, mit der man leichtfertig spielen kann.“ Ich setzte mich auf. „Hat er, hat Richard versucht, über die Mauer...." „Versucht“ Versucht ist ein reichlich milder Ausdruck für das, was wir vermu ten. Er brach plötzlich ab, vielleicht glaubte er, bereits zu viel verraten zu haben.

„Und jetzt“, sagte er kalt, fast feindselig, „was für Freunde hat Ihr Sohn außer dem Jungen von unten, diesem Richard Edelweiß?" Er fragte mich aus, wie mir schien, eine sehr lange Zeit. Die Fragen betrafen vielerlei Punkte. Oft standen sie, soweit mir erkennbar, in keinem Zusammenhang miteinander und schon gar nicht mit meinem oder mit Richards Leben oder mit dem, was Richard verbrochen haben sollte. Zweimal ersuchte ich meinen Befrager, eine Pause einzulegen, weil ich auf die Toilette musste; beim zweitenmal übergab ich mich und blieb derart lange weg, dass er an die Tür klopfte und wissen wollte, ob etwas nicht in Ordnung wäre und ob ich Hilfe brauchte. Ich sagte nein und kam aus der Toilette heraus, dicke Schweißtropfen auf der Stirn, und kurz danach sagte er, für heute wäre es vielleicht genug, und ich möchte mich bereit halten, falls sie weitere Fragen hätten, auch sollte ich den Bezirk Potsdam nicht verlassen, ohne ihnen Bescheid zu geben. Die technischen Leute hatten ihre Siebensachen gepackt und waren fortgegangen; der junge Mann, der zu mir ins Büro gekommen war, gab mir eine Telefonnummer: „Falls Sie uns zusätzliche Informationen geben wollen oder falls einer aufkreuzt, der mit Ihrem Sohn Verbindung aufzunehmen sucht.“ Und dann war ich allein. Ich ging in die Küche und zwang mich, ein Butterbrot zu essen. Ich ging in Richards Zimmer und streichelte den halbenthaarten Teddybär, an den er als Kind sich immer geschmiegt hatte. Ich ging die Treppe hinunter und hinaus in den Garten. Sie hatten den Rasen zertrampelt und die Blumenbeete. An dem stählernen Ha­ken an der Ecke des Garagendaches hing ein Stück Seil. Frau Edelweiß bemerkte mich von ihrem Küchenfenster aus und kam heraus, verweint, und umarmte mich: Ihr Richard war auch in Haft genommen worden, und sie erging sich in den düstersten Mutmaßungen. Ich konnte ihr nicht helfen. Ich konnte mir selber nicht helfen. Die Ankunft des Polski Fiat unterbrach uns. Dem Auto entstiegen Herr Edelweiß und ein rundlicher Mann mit rosigem Gesicht. Herr Edelweiß überschüttete seine Frau sofort mit Vorwürfen: Das ganze Übel war das Resultat ihrer Gedankenlosigkeit und Unbeständigkeit, kein Wunder, dass der Junge in Schwierigkeiten geriet. „Aber ich“, proklamierte er, „lasse mich da nicht hineinziehen! Das Gericht hat Richard dir zugesprochen, meine Liebe, und es istauschließlich deine Verantwortlichkeit.“ Er wurde sich meiner Anwesenheit bewusst und fügte eilig hinzu: „Was nicht bedeutet, dass ich mich von dem Jungen abwende. Ich weiß, was ich unserem Sohn schulde, auch wenn du, meine Liebe, es offensichtlich nicht weißt.“ Und mit einer Handbewegung auf seinen Begleiter hin: „Darum habe ich meinen Freund und Rechtsanwalt Dr. Kahn um Hilfe ersucht.“

Dr. Kahn gab Frau Edelweiß und mir die Hand und ließ sich auf einen wackligen Gartenstuhl sinken. Die etwas verquollenen Augen auf uns gerichtet, bemerkte er:

„Ich habe solche Fälle schon gehabt. Junge Leute, ah..." Er lachte unvermittelt. „Sehnsucht nach Abenteuer, nach neuen Horizonten..." Und ernst werdend: „Leider können wir nicht viel unternehmen, bis die behördliche Untersuchung abgeschlossen ist und wir die Anklage kennen gegen ... Wie heißt der Junge?“ „Richard“, sagten Frau Edelweiß und ich gleichzeitig. „Frau Zunk ist die Mutter des anderen Jungen, von dem ich Ihnen erzählt habe“, erläuterte Herr Edelweiß, „der diesen unglücklichen Einfluss auf unsern Richard ausübt.“

„Das tut er nicht!“ widersprach ich.

Dr. Kahn brach wieder in Gelächter aus. Ich fand seine lärmende Fröhlichkeit übertrieben, doch als er die Frage einfließen ließ, ob ich ihn nicht auch mit der Verteidigung meines Richard betrauen möchte, stimmte ich freudig erleichtert zu, warnte ihn allerdings, dass ich nur wenig Geld besäße. Den Einwand tat er mit einem Achselzucken ab. „Wollen wir hören, was die beiden Damen von der Angelegenheit wissen.“ Es ergab sich, dass Frau Edelweiß noch weniger wusste als ich. Die Angehörigen der Behörde stellten ihre Befragung bald ein, nachdem sich herausstellte, dass die Aussagen der Frau einander auf wildeste Weise widersprachen. Zuerst hatten sie es noch mit Zureden versucht: „Sie haben uns nicht ganz verstanden“, sagten sie und formulierten ihre Fragen neu, aber das vergrößerte die Konfusion im Kopf von Frau Edelweiß nur, ihr armes Hirn war noch immer ganz wirr, und die Vorwürfe ihres geschiedenen Gatten brachten sie noch mehr durcheinander und erzeugten erneut Tränen. „Lassen Sie sie doch“, bat Dr. Kahn, und mit einem Augenzwinkern zu mir hin: Nach dem, was Sie mir erzählten und Behörde wirklich der Meinung ist, sie wäre einer großen Sache auf der Spur. Auch verständlich, angesichts der Örtlichkeiten“ — er deutete auf Garage und Zaun —„wahrscheinlich erwägt man, ob Richard eins und zwo nicht in eine finstere Geschichten verwickelt sein konnten.“

„Das ist doch Wahnsinn“, sagte ich. „Mein Richard..

Er faltete die Hände über dem Bauch. „Sie werden nicht glauben, wie wenig die Eltern oft von ihren Kindern wissen.“

„Aber so etwas“, sagte ich unsicher, „würde ich doch wohl bemerkt haben.“ „Bei Ihrer intensiven gesellschaftlichen Betätigung?“

Welche Art von Betätigung Frau Edelweiß abgehalten haben könnte, sich mit ihrem Sohn zu beschäftigen, ließ er unerwähnt.

In den nun folgenden Wochen führte ich ein sonderbares Leben. Angstzustände wechselten ab mit Perioden völliger Stumpfheit. Ich versuchte zu lesen, brachte es aber nicht fertig, mich zu konzentrieren. Ich ließ das Radio den ganzen Tag laufen, Ost, West, unterschiedlich. Abends ertappte ich mich, wie ich in die Höhe starrte, ohne zu wissen, was ich sah. Schlafen konnte ich nur mit Hilfe von Medikamenten. Familie die hätte helfen können, besaß ich nicht; eine alte Tante in Ückermünde und ein paar entfernte Cousins in Erfurt waren kaum die Menschen, an die ich mich wenden konnte. Ich entdeckte, wie wenige Freunde ich hatte. Anfänglich besuchte mich noch Frau Edelweiß, aber es gab kaum etwas außer dem Fall und ihrem Richard und meinem, worüber wir uns unterhalten konnten, und beide spürten wir nach kurzer Zeit, dass wir einander auf die Nerven gingen. Zweimal klingelten unauffällige Männer bei mir und sagten, sie hätten noch ein paar Fragen. Die Fragen waren eher technischer Natur und erlaubten keine Rückschlüsse auf das Schicksal meines Richard oder die Art seiner Schuld. Einmal stellte der Genosse Otter sich ein, der Parteisekretär des Betriebes, und erkundigte sich, wie es mir ginge und ob ich etwas brauchte. Er blieb etwa eine halbe Stunde. Das Gespräch wurde mühsam. Dann murmelte er eine Entschuldigung und ging. Am nächsten Tag läutete die Türglocke wieder auf die dringliche Art, die ich nun ‘bereits kannte, und ich dachte schon, hier kommen wieder die Fragesteller, aber es war Dr. Kahn. Er lachte: „Sie haben mich wohl nicht erwartet?“

„Treten Sie doch ein“, bat ich.

„Ich habe den Wagen unten“, sagte er. „Machen Sie sich fertig, Frau Zunk — wir fahren Ihren Richard besuchen.“

Der Besucherraum war graugrün gestrichen; ein koloriertes Bild des Staatsratsvorsitzenden hing an der Wand. Richard saß mir gegenüber; er sah blass aus und zwinkerte nervös. Der uniformierte Wärter an der Schmalseite des Tisches tat, als ob ihn der Vorgang nichts anginge. Dr. Kahn schnaufte in Abständen oder lachte in sich hinein.

„Ich freu‘ mich ja so, dass du gekommen bist, Muttchen“, sagte Richard.

„Ist es sehr schwer?“ fragte ich. „Ich meine — es kam alles so plötzlich.“

„Nach einer Weile gewöhnt man sich“, sagte er. „Ich bin mit noch einem Jungen in der Zelle.“

„Nicht mit Richard?“

„Nein.“

„Wie ist das Essen?“ fragte ich. „Isst du auch genug?“ „Es ist nicht wie zu Hause“, sagte er.

5 Ich kam mir blöd vor mit meiner Fragerei. „Muttchen“, sagte er, „ich habe nichts Schlimmes getan.“

Der Wärter blickte auf. „Es ist verboten, über den Fall zu reden.“ „Richard“, sagte ich, „der Genosse hier ist Dr. Kahn, dein Anwalt.“ „Wird schon alles werden, Richard“, sagte Dr. Kahn heiter. „Nur immer bei der Wahrheit bleiben.“ „Es tut mir leid, dass ich soviel Ungelegenheiten mache“, sagte Richard. „Vielleicht war es eine große Dummheit von mir — aber es hat eben so irre Spaß gemacht.“ „Was hat?“ fragte ich. „Wenn Sie über den Fall reden“, sagte der Wächter, „muss ich den Gefangenen in die Zelle zurückbringen.“ Den Gefangenen, dachte ich und fragte: „Kriegst du auch genügend Schlaf, Richard?“ „Jetzt ja.“ Er zögerte. „Zuerst hat mich das Licht gestört. Es ist keine starke Birne, aber sie brennt.“ „Es ist verboten, über die Haftbedingungen zu sprechen“, sagte der Wärter. „Ich hab‘ dir ein paar Stück Kuchen gebracht, Richard“, sagte ich. „Erdbeertorte, die hast du doch immer gemocht. Und Socken und Unterwäsche. Die bekommst du dann, das haben sie versprochen.“ „Muttchen." „Ja, Richard?“ Plötzlich sah er so klein aus, so sehr noch wie ein Kind. „Was wolltest du mir sagen?“ Er schlug die Hände vors Gesicht, die Schultern zuckten. Dann ließ er die Hände sinken. „Weißt du, dass ich gelernt hab‘, Zigaretten zu drehen, Muttchen?“ Er zeigte ein Lächeln. „Sogar mit einer Hand!“ „Zeit ist um“, sagte der Wärter. Richard stand auf. Er tat einen Schritt, als wollte er in meine Arme flüchten, aber der Tisch stand zwischen uns, und es mag auch sein, dass ich seine Bewegung missverstanden habe. Dr. Kahn klopfte Richard auf den Rücken und sagte, er käme ihn bald besuchen und dann würden sie über den Fall re­den, und Richard sagte, ja, er würde gern mit Dr. Kahn darüber reden, aber er wisse nicht, wann es ihm erlaubt werden würde. „Halt die Ohren steif, Richard“, sagte ich. Er nickte und ging durch die Tür in der Rückwand des Raumes hinaus. Wo sie nur die elektrischen Birnen in den Korridoren unserer Gerichte herkriegen. Diese Birnen erleuchten wenig mehr als die eigenen Glühfäden, und die Menschen vor den Eingangstüren der Gerichtssäle sehen aus wie die Schatten der Verstorbe­nen, die auf Einlass in irgendeine Unterwelt warten.Das Getippte auf dem Zettel rechts neben der Tür war kaum zu lesen. Strafsache gegen Edelweiß, Richard, und
Zunk, Richard, entzifferte ich, wegen wiederholter Verletzung des Passgesetzes. Frau Edelweiß umklammerte meine Hand, ihre Fingernägel gruben sich mir ins Fleisch.
„Verletzung des Passgesetzes“, sagte sie erschüttert, „und wiederholt. “Herr Edelweiß war ferngeblieben; er musste zu einer Leitungssitzung des Bereichs Kosmetik der Vereinigung Volkseigener Chemiebetriebe, und da er nicht mehr gesetzlich verantwortlich für seinen Sohn war, hatte er keinen stichhaltigen Grund zur Nichtteilnahme an seiner Konferenz. Der Gedanke, dass ich Richard wiedersehen würde, machte mich froh; er würde uns anblicken, und ich würde ihm Mut zulächeln. Doch waren meine Besorgnisse größer als meine Freude: Als alte Genossin wusste ich ja, wie Genossen auf so etwas wie wiederholte Verletzungen des Passgesetzes seitens des Sohns eines Genossen reagierten: wir haben unsern Arbeiterstaat, und wir verlangen, dass unsre Gesetze und unsre Grenzen respektiert werden, besonders von den Kindern der Genossen; wenn einer mit sechzehn Jahren sich über das Gesetz hinwegsetzt, was — und wo — wird er sein, wenn er fünfundzwanzig ist, und was für ein Beispiel gibt er andern Jugendlichen? Das bekannte Lachen. „Meine Damen“, ließ sich Dr. Kahn vernehmen, „das Warten ist vorbei.“ Die Schatten im Korridor wandten die Köpfe. Er mäßigte seinen Ton. „Ich kenne die Richterin, sie ist eine vernünftige Person. Wenn die Jungen, wie ich ihnen geraten habe, ein bisschen Reue zeigen —Die Tür zum Gerichtssaal öffnete sich. Frau Edelweiß ging voran, ich folgte ihr, dann Dr. Kahn; zwei Weiblein, wie zum Begräbnis gekleidet — Rentnerinnen wohl, die ihre überschüssige Zeit auf den Zuschauerbänken der Gerichte verbrachten —‚wurden vom Gerichtsdiener abgewiesen. Der Staatsanwalt, noch jugendlich, angehende Glatze, nickte mit ernsthaft feierlicher Miene zunächst Dr. Kahn zu und darauf zwei Männern, die in der vordersten der vier Bankreihen Platz genommen hatten; ich erkannte den Nacken des einen und die leicht gekrümmten Schultern des anderen. Dr. Kahn begab sich an einen kleinen Tisch zur Linken des richterlichen Podiums und stellte seine Aktentasche ab; der Staatsanwalt blätterte in irgendwelchen Papieren. In diesem Augenblick trat mein Richard durch die enge Tür hinter dem Tisch des Staatsanwalts. Ich bemerkte, dass er mich gesehen hatte. Er wandte sich Richard Edelweiß zu, der noch schmächtiger aussah als sonst, und nahm ihn bei der Hand. Die kleine Geste beschäftigte mich derart, dass Frau Edelweiß mich anstoßen musste, damit ich beim Eintritt der Richterin und ihrer zwei Beisitzer nicht aufzustehen vergaß. Die Richterin blickte sich um in ihrem Gerichtssaal; sie hatte etwa meine Figur, trug genau wie ich ihr Haar hinten aufgesteckt, und in ihrem Blick lag ein Ausdruck, den ich auch bei mir bemerkt hatte — ein Ausdruck jener Zurückhaltung, die sich einstellt, wenn die großen Hoffnungen allmählich dahinwelken. Sie sah mich kurz an, dann setzte sie sich. Die einleitenden Formalitäten zogen sich hin. Ich hatte Augen nur für Richard. Er schien seit meinem Besuch noch gewachsen zu sein, oder war es, dass sein Gesicht in den paar Wochen alles Kindliche verloren hatte. Er erinnerte mich an seinen Vater, als der ein junger Mann war. Sein Vater und ich hatten nie genug Zeit füreinander gehabt; sein Vater verausgabte sich für den Aufbau des Sozialismus. Mit der Vorlesung der Anklageschrift fand ich mich zurück in die Gegenwart. Der Staatsanwalt las von unserer Jugend, die in ihrer überwältigenden Mehrheit den Zielen und Errungenschaften des Sozialismus gegenüber eine positive Haltung ein nahm und die nichts sehnlicher wünschte, als noch größere Errungenschaften retten zu helfen. Dann las er von dem antifaschistischen Schutzwall als einem Boll­werk im Kampf gegen den Imperialismus und wie unsere Jugend in ihrer überwältigenden Mehrheit durch Wort und Tat bewies, dass sie dessen Wichtigkeit durchaus verstand und zu schätzen wusste - nicht so dagegen die beiden Angeklagten. Er verlas eine Anzahl von Daten, vierzehn insgesamt, an denen die Angeklagten in voller Kenntnis der Strafbarkeit ihrer Handlungen besagten antifaschistischen Schutzwall in beiden Richtungen überquerten, immer an der gleichen Stelle, näm­lich hinter der zu dem beiderseitigen elterlichen Wohnhaus gehörenden Garage, wobei sie den Posten, die diesen Abschnitt des Schutzwalls zu bewachen hatten, und den technischen Einrichtungen, durch welche die Posten alarmiert werden sollten, mit List aus dem Wege gingen und derart die Paragraphen soundso und soundso des Strafgesetzbuches der Republik absichtlich verletzten; sie seien sogar so weit gegangen, Vertretern der kapitalistischen Westpresse gegenüber sich ihrer Taten zu rühmen, wodurch sie die Gesetze und Einrichtungen unserer Republik der Lächer­1lichkeit preisgaben und Wasser auf die Mühlen der imperialistischen Propaganda gossen, wie aus Beweisstück A der Staatsanwaltschaft ersichtlich. Die Jugend der Angeklagten — der eine nicht ganz sechzehn, der andere bald achtzehn Jahre alt —habe sie nicht davon abgehalten, ein ganzes Nest abgefeimter Lügen zu weben, um ihre Eltern, ihre Lehrer, ihre FDJ-Funktionäre hinters Licht zu führen; als erschwe­rend bei der Beurteilung ihres wiederholten Vergehens müsse ferner die Tatsache gelten, dass keiner der beiden je daran dachte, die zuständigen Behörden von dem Vorhandensein des von ihnen benutzten Durchlasses zu unterrichten, was die Gefahr vergrößerte, dass andere, die die Grenze illegal zu überschreiten beabsichtigten, den gleichen erprobten Weg beschreiten möchten — und wer weiß, ob es nicht welche auch taten. In Anbetracht all dessen bestehe wohl kein Zweifel, dass das Gesetz in voller Strenge Anwendung finden müsse. „Nur so“, schloss der Staatsanwalt, „können diese zwei irregeleiteten Jugendlichen wieder zu nützlichen Mitgliedern unserer sozialistischen Gesellschaft werden.“ Und trocknete sich den Schweiß von der Nase und setzte sich. Vierzehnmal, dachte ich, vierzehnmal hinüber in den Westen und zurück, das heißt achtundzwanzigmal über die Mauer. Achtundzwanzigmal hätte der Junge erschossen werden können, dachte ich, hätte verbluten können in dem Niemandsland zwischen den zwei Welten — und ich hatte keine Ahnung davon gehabt Frau Edelweiß, sah ich, zerrte an ihrem Taschentuch. Vielleicht war ihr ein ähnlicher Gedanke durch den Kopf gegangen; aber ich hatte nicht das Herz, sie zu fragen, und sowieso waren ihre Gedanken nie sehr präzise. Die Richterin rief den ersten Zeugen auf: den jüngeren der beiden Männer, die mich befragt hatten. Der trat vor und stand vor dem Richtertisch, das Gewicht auf dem rechten Fuß, den linken ein wenig vorgeschoben. In dieser Haltung, ganz der Detektiv aus dem Fernsehkrimi, berichtete er über die technische Seite der wiederholten Verletzung des Passgesetzes. Seine Aussage klang recht kompliziert, dennoch ging daraus hervor, dass eigentlich jeder, der die Gelenkigkeit eines jungen Menschen und ein festes Seil von der richtigen Länge besaß und der die Abfolge der Postengänge kannte und das Gesichtsfeld des Mannes auf dem nahe gelegenen Wachtturm mied, die Tat hätte begehen können. Sein Vorgesetzter, der ihm auf dem Zeugenstand folgte, sprach mehr allgemein; nach seinen Erfahrungen ereigneten sich Überschreitungen dieser Art nur selten als Einzelfall der individuelle Verletzer des Passgesetzes stehe gewöhnlich in Kontakt mit anderen, die Ähnliches im Sinne hatten, und selbst wo anfänglich keine Organisation bestand, bildeten sich sehr bald Gruppen und Banden; bekanntlich werde ja die jugendliche Abenteuerlust häufig von gewissen Elementen ausgebeutet. Hier besonders läge die Gefahr, und darum müsse dieser Fall in viel ernsterem Licht gesehen werden, als bei oberflächlicher Betrachtung notwendig erscheine. Dr. Kahns Gesicht strahlte Wohlwollen aus. „Bei Ihrer Untersuchung haben Sie diesem Gesichtspunkt doch Ihre spezielle Aufmerksamkeit geschenkt, Genosse, nicht?" „Sicher.“ „Und sind Sie auf irgendwelche Beweise gestoßen, dass die Jungens solche Kontakte hatten oder dass eine solche Organisation bestand?“ Richard hob den Kopf. Ich wollte ihm zulächeln, doch waren meine Lippen wie ein­gefroren. Unterdessen entwickelte sich zwischen dem Zeugen und Dr. Kahn ein Wortwechsel, den die Richterin zu missbilligen schien. Schließlich richtete Dr. Kahn seinen dicken Zeigefinger auf den Zeugen und sagte mit einem kurzen Lachen: „Ist meine Feststellung korrekt oder nicht, dass Sie die ganze Sache erst gewahr wurden, als der Westberliner Zeitungsausschnitt, der jetzt als Beweisstück A der Staatsanwaltschaft dem Gericht vorliegt, auf Ihren Schreibtisch kam?“ Die Richterin mahnte: Der Zeuge konnte nicht gezwungen werden, die Untersuchungsmethoden der zuständigen Organe preiszugeben. „Genossin Richterin“, sagte Dr. Kahn, „könnten wir Beweisstück A vorgelesen bekommen?" Die Richterin wandte sich an den Staatsanwalt: „Sie haben keine Einwendung?“ Ich sehe noch, wie der Staatsanwalt das Stückchen bedrucktes Papier einer Zellophanhülle entnahm. Ich höre noch die Stimme, mit der er den Ausschnitt verlas, seinen unterdrückten Ärger, aber auch den höhnischen Ton des Artikels, der hindurchklang. Richard E. und Richard Z., hieß es, beides Söhne von SED-Funktionären, beide wohnhaft in der kleinen Stadt D. nahe der Grenze von Westberlin, hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, über die Mauer hinweg den Westen zu besuchen. Richard 7., 15 Jahre alt, meinte, wo sie über die Mauer gingen, wäre es ein Kinderspiel; Richard E., 17 Jahre, fügte hinzu, zuerst hätten sie ein bisschen Angst gehabt, jetzt aber wäre es „wie über den Zaun in den Nachbargarten klettern“. Das Leben in Westberlin gefiele ihnen, gaben sie an, doch hätten sie nicht vor, im Westen zu bleiben. Ihre Eltern wüssten nichts von ihren Ausflügen über die Grenze; achselzuckend erklärten die Jungen: „Die würden ja doch nicht verstehen “ Würden ja doch nicht verstehen, dachte ich. Hatte ich nicht stets Richards Fragen geduldig beantwortet? Hatte ich ihm nicht immer alles erklärt — wie er aus mei­nem Leib geboren wurde und wie er dort hineinkam, über Geschichte, über die Ent­stehung des menschlichen Zusammenlebens, über die Revolution, über Deutschland und über den Stacheldrahtzaun, der hinter unserm Haus verlief? Und er hatte mich angehört Aber im Lauf der Jahre hatte sich seine Art, mich anzuhören, geändert, und dieser Ausdruck im Blick hatte sich entwickelt und dieses Kräuseln der Lippen, obwohl er immer noch antwortete: Ja, Muttchen, und: Natürlich, Muttchen. ,,Na, Richard?“ sagte die Richterin. Beide Jungen standen auf. Die Richterin präzisierte: „Richard Zunk.“ Der junge Edelweiß setzte sich sichtlich erleichtert wieder hin. „Du hast doch gewusst, Richard, dass es gegen das Gesetz ist, über die Mauer nach Westberlin zu gehen?“ Richard senkte den Kopf. „Dann erzähl uns mal mit deinen eignen Worten, warum ihr es getan habt.“

„Wir wollten ins Kino.“

„Und seid ihr gegangen?“ „Ja.“

„Vierzehnmal?“ „Ja.“

„Erzählt weiter, was euch drüben noch passiert ist.“

15 „Wie wir das letzte Mal rübergegangen sind, haben uns ein paar Westpolizisten gesehen und haben wissen wollen, ob wir aus dem Osten kämen. Und wir — wir ha­ben ja gesagt. Sie haben uns gefragt, ob wir im Westen bleiben wollten; da haben wir gesagt: Nein, und da haben sie gefragt, was wir denn wollten, und wir haben es ihnen gesagt..

20 „Ja? Sprich weiter.“

„Da haben sie gelacht. Und dann hat der eine gesagt, er kennt jemand, dem würde die Geschichte sicher gefallen, und wie wir aus dem Kino kamen, da war dieser Mann da und hat uns Fragen gestellt und hat Currywurst und Cola für uns gezahlt, aber wir haben ihm nicht richtig getraut und haben ihm nicht viel gesagt.“

25 Die Richterin spielte mit ihrem Kugelschreiber.

„Richard!“ sagte der Staatsanwalt. Richard zuckte zusammen.

„Ihr seid also vierzehnmal nach drüben gegangen, und vierzehnmal, sagst du, wart ihr im Kino. Immer im gleichen Kino?“

„Ja.“

30 „Wie habt ihr die Billetts bezahlt?“

„Wie wir gesagt haben, dass wir nur Ostgeld hätten, hat die Kassiererin den Chef geholt, und der hat unsre Ausweise angesehen und hat gesagt, wir brauchten nicht zu zahlen.“

„Und habt ihr Spaß gehabt?“

35 Richard schwieg misstrauisch. Er hatte die Falle erkannt, die der Staatsanwalt ihm stellte: wenn er mit Nein antwortete, wieso war er dann immer wieder nach Westberlin ins Kino gegangen, und wenn er ja sagte, wo blieb die Reue, die er doch zeigen sollte? Endlich richtete er sich auf. „Jawohl“, sagte er sehr ruhig, „es hat uns Spaß gemacht, über die Mauer zu gehen und uns drüben umzusehen. Es war so... ich weiß es nicht anders .. O Gott, dachte ich, der Junge redet sich selber ins Unglück. Die Richterin verkündete das Urteil. Die Angeklagten wurden abgeführt, voran Richard Edelweiß, dann mein Richard. Die Richterin stieg vom Podium herab und kam auf mich und Frau Edelweiß zu und sprach von der Schuld, die auch wir trügen, und zögerte einen Moment und sagte dann etwas von der Zeit, die ja bekanntlich vorbeigehe, und dass die Erfahrung unsern Söhnen nur nützen könne, ob in Armee oder Jugendwerkhof. Der Staatsanwalt, sah ich, trat zu Dr. Kahn, und sie schüttelten einander die Hand: zwei Berufsboxer, es war ein fairer Kampf gewesen, nur keine Hassgefühle — diese Art Geste. Die Richterin war verstummt. Dann auf einmal das Lachen, das ich kannte, und Dr. Kahns etwas raue Stimme: „Wenn ich Sie gewesen wäre, Genosse Staatsanwalt, ich hätte einen Orden für die beiden Jungen beantragt.“ „Wieso das?“ sagte der Staatsanwalt. „Weil sie, wie jetzt gerichtsnotorisch, vierzehnmal hintereinander ihre absolute Treue zu unserer Republik unter Beweis gestellt haben.“ Der Staatsanwalt lächelte schief. Dann drehte er sich um und ging.

Quelle

07.01.2009, 14:36 von Chaser | 562 Aufrufe
Bewertung: 1 2 3 4 5

Heimkinder Forum | imHeim.info | Jugendwerkhof