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September 2010
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«Kinderknast» als EndstationHALLE/MZ. "Weggesperrt" - so heißt das Buch von Grit Poppe, das sie am Dienstag in der Gedenkstätte Roter Ochse vorstellte. Im Roman will die Mutter der 14-jährigen Anja Sander aus der DDR ausreisen. Der Versuch scheitert, aber Mutter und Tochter werden getrennt und für Anja beginnt eine Odyssee durch Erziehungsheime der DDR, die im einzigen geschlossenen Jugendwerkhof in Torgau endet.
Die Geschichte von Anja hat die 46-jährige Autorin erfunden, doch was die Protagonistin erlebt, geschah in der DDR tausendfach. Wegen des realen Hintergrunds ging der Lesung ein 30-minütiger Film voraus, in dem drei Männer ihre Erfahrungen in verschiedenen Werkhöfen schilderten. Einer von ihnen, Stefan Lauter, saß in der Gedenkstätte neben der Autorin und erzählte detailliert von seinen Erlebnissen.
Der heute 43-Jährige lernte als Jugendlicher eine evangelische junge Gemeinde kennen und äußerte Zweifel an der in der Schule vermittelten Doktrin. Seine Mutter stellte daraufhin einen "Antrag auf Jugendhilfe". Die Hilfe bestand darin, ihn in einen Jugendwerkhof einzuweisen.
Wie die Romanfigur Anja durchlief Lauter mehrere Heime und landet in Torgau. Vergitterte Fenster, geschlossene Türen, ein unbepflanzter Hof, begrenzt mit einer vier Meter hohen Mauer. Lauter nennt diesen Jugendwerkhof "Kinderknast". Als er 1984 dorthin kam, verbrachte er drei Tage ohne Erklärung in Isolationshaft - das musste jeder Neuankömmling ertragen. Und auch bei Poppe bleibt die Protagonistin drei Tage in Einzelarrest. Diese Detailtreue kommt von den Zeitzeugengesprächen, die die Autorin geführt hat und aus denen sie Beschreibungen in die Geschichte übernahm.
Im geschlossenen Werkhof Torgau wurden insgesamt 4 000 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren eingesperrt. Die Betroffenen bezeichnen es als das "schlimmste" der Heime. "Ich war wenigstens nur 14 Wochen dort", sagte Stefan Lauter, allerdings durften Kinder ohnehin maximal sechs Monate in Torgau bleiben. "Weil sie die Dauer auf ein halbes Jahr beschränkt hatten, müssen sie gewusst haben, wie schlimm es da war", argumentiert Lauter heute. Und tatsächlich taucht Torgau im Zuge der gegenwärtigen Missbrauchsdebatte wieder in den Schlagzeilen auf: Insgesamt meldeten sich 500 Menschen, die in DDR-Heimen Opfer körperlicher und sexueller Gewalt geworden sind, erklärt Gabriele Beyler, die Vorsitzende des Trägervereins der Gedenkstätte Torgau.
Grit Poppe hatte ein Jugendbuch über das Leben in der DDR schreiben wollen, weil Kinder ihrer Ansicht nach zu wenig darüber wissen. Schnell war sie beim Thema Jugendwerkhöfe gelandet, informierte sich und schrieb einen Roman "mit Wut im Buch und den Details im Ohr". Im August ist "Weggesperrt" erschienen, seitdem ist die Schriftstellerin auf Lesereise, meist in Begleitung von Zeitzeugen. Häufig liest sie in Schulen, doch in Halle ist bisher keine weitere Veranstaltung geplant. mz-web.de
16.04.2010, 13:21 von susa70 |
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