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Endlich Halt unter den Füßen

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Endlich Halt unter den Füßen

Endlich Halt unter den Füßen


Ein bundesweit einmaliges Projekt in Magdeburg will Obdachlosen neue
Chancen eröffnen
Anett Göcke wollte Tischlerin werden. Doch der 36-jährigen
Magdeburgerin bot sich dazu nie die Möglichkeit. Das Glück
fehlte von Anfang an: „Als meine Mutter mich entbunden hat,
hat sie mich im Krankenhaus gelassen und ist abgehauen",
erzählt die blonde Frau mit leiser Stimme. Schließlich sei sie bei
ihrer Großmutter aufgewachsen. „Auf einmal hieß es aber,
meine Oma wäre zu alt, mich weiter zu erziehen", erinnert sich
Anett Göcke. Die Neunjährige kam ins Kinderheim nach
Großbörnicke. 13 oder 14 Mal lief sie von dort weg. Sie hatte
Heimweh, fühlte sich allein. Die Polizei fand sie jedes Mal bei
ihrer Oma und brachte sie zurück. Immer wieder Tränen,
immer wieder Abschiede. Anett Göcke riss weiter aus, bis sie
mit 14 Jahren vom Jugendamt in den Jugendwerkhof nach
Neukirchen geschickt wurde.
Heute nimmt Anett Göcke an einem Projekt für Wohnungslose
in Magdeburg teil. Als wohnungslos gelten Menschen, die auf
der Straße, dauerhaft bei Bekannten oder in Notunterkünften
leben. Bei den Behörden heißt das „OFW", ohne festen
Wohnsitz, im Allgemeinen sagt man obdachlos. Das betrifft in
Deutschland schätzungsweise 345.000 Menschen. Anett Göcke
wurde obdachlos, als sie 2004 aus der gemeinsamen Wohnung
vor ihrem Freund floh. Der war Alkoholiker, hatte ihr alles Geld
abgenommen und sie misshandelt. Über ein halbes Jahr lebte
Anett Göcke dann im Frauenhaus. Sie hat keine Geld, keine
Wohnung, keine Arbeit. Im Jugendwerkhof war sie zur Helferin
in der Frischeierproduktion ausgebildet worden - eine Stelle
fand sie nach der Wende nicht. Ab und zu eine ABM. Anett
Göcke arbeitet gern. Am liebsten handwerklich. Für sie ist der
Job in der Holzwerkstatt der städtischen
Beschäftigungsgesellschaft AQB eine willkommene Chance.
„Das wird ein Tisch", erklärt sie die angefangene Konstruktion
auf ihrer Werkbank. „Nächste Woche wird er fertig sein." Sie
spricht bestimmt und laut, um das Hämmern und Schleifen in
der großen Halle mit Regalen voller Bretter zu übertönen.
Die Idee für das Wohnungslosenprojekt ist im Magdeburger
Jobcenter ARGE entstanden. Start war im April 2005, als mit
dem Beschäftigungsbetrieb AQB ein Vertrag geschlossen
wurde: der Betrieb bietet den Teilnehmern Ein-Euro-Jobs an,
kombiniert mit sozialer Betreuung. Alles auf freiwilliger Basis.
Pro Stunde gibt es 1,28 Euro, zusätzlich zum Arbeitslosengeld
2. Die Holzwerkstatt ist eine von fünf Arbeitsbereichen. Die
Produkte können die Teilnehmer entweder selbst kaufen oder
sie gehen an die Kommune. So wird im Garten der AQB das
Gemüse für die Magdeburger Tafel angebaut. Die erste Station
für die meisten Ein-Euro-Jobber ist der so genannte
Kreativbereich. Am Anfang malen oder basteln sie dort eine
Stunde pro Tag. Zu mehr Konzentration reicht es bei vielen erst
einmal nicht. Nach und nach wird die Arbeitszeit auf bis zu fünf
Stunden täglich gesteigert. Zwei Sozialpädagoginnen betreuen
die Teilnehmer. Sie helfen, Stabilität in das Leben der
Wohnungslosen zu bringen. Ursula Reppin ist seit vielen Jahren
Sozialarbeiterin und kennt die typischen Probleme Obdachloser:
„Das fängt mit Schulden und Alkoholabhängigkeit an."
Obdachlose leben oft vereinsamt, ohne Kontakt zu ihren
Angehörigen. Durch ständiges Trinken werden sie immer
gleichgültiger gegenüber sich selbst und anderen. Sie
verwahrlosen, die Schulden wachsen, oft folgen körperliche
oder psychische Krankheiten. Ein Kreislauf, den das Projekt
aufbrechen will. „Wer teilnimmt, muss allerdings Regeln
einhalten", sagt Ursula Reppin. Die erste heißt: wer morgens
betrunken kommt, darf gleich wieder gehen. Außerdem müsse
jeder lernen, pünktlich und regelmäßig am Arbeitsplatz zu
erscheinen. Wer das schafft, der kann das nächste Ziel in
Angriff nehmen - eine eigene Wohnung. Wen die Sozialarbeiter
als gefestigt einstufen, mit dem geht es gemeinsam auf
Wohnungssuche. Schon 43 zuvor obdachlose Magdeburger
schlafen wieder in ihren eigenen vier Wänden. Über den Erfolg
eines Teilnehmers freut sich die rührige Sozialpädagogin Reppin
besonders, erzählt sie. Sie spricht von Herrn Bubi, der
eigentlich Hans-Joachim Müller heißt. Bubi ist nur sein
Spitzname, aber im Haus müssen alle gesiezt werden. Mit 55
Jahren ist Herr Bubi der älteste Aktive im Projekt. Und er ist
einer von denen, die ganz unten waren: „Am 20. April '92 bin
ich rausgeflogen. Zwangsräumung. Das vergesse ich nie", sagt
er. Danach lebte Hans-Joachim Müller zehn Jahre auf der
Straße, „auf Platte", wie Obdachlose sagen. Er schlief in
Telefonzellen, Fahrstühlen oder bei Kumpels. Bis zur Wende
war Müller Putzer, später Gießer im einstigen Magdeburger
Schwermaschinen-Kombinat. 23 Jahre lang. Sein Absturz hing
wie bei den meisten mit Arbeitslosigkeit, Alkohol und
Beziehungsproblemen zusammen. Den Alltag eines
Obdachlosen beschreibt er als trostlos: „Langweilig. Den
ganzen Tag saufen." Mehr will er dazu nicht sagen. Seit August
2005 hat Hans-Joachim Müller wieder eine eigene Wohnung.
Sie hat Hartz-IV-Maße und liegt im Parterre, in einem
unsanierten grauen Plattenbau. Doch für Müller ist sie
„einwandfrei". Der Eintritt in ein selbst bestimmtes Leben.
Möglich ist sein neues Leben ausgerechnet durch die viel
kritisierte Hartz-Reform. Denn seit der Zusammenlegung von
Arbeitslosen- und Sozialhilfe sind die neu gegründeten
Arbeitsgemeinschaften für arbeitsfähige Obdachlose zuständig.
„Die Kompetenzen von Arbeitsberatung und Sozialberatung
treffen sich jetzt hier", sagt Sonja Glaner vom Jobcenter ARGE
in Magdeburg. Sie ist zuständig für das OFW-Projekt und stolz
auf die positive Resonanz von den Obdachlosen. Nur zwei
Prozent der arbeitsfähig Gemeldeten ohne festen Wohnsitz
haben das Angebot auf einen Ein-Euro-Job ausgeschlagen.
Glaner hat noch für 91 Arbeitslosengeld-2-Empfänger den
Zusatz „OFW" in ihren Akten stehen. Im April 2004 waren es 43
mehr. Das sind die 43, die wie Hans-Joachim Müller mittlerweile
eine Wohnung zugewiesen bekommen haben. Im Magdeburger
Melderegister sind insgesamt 163 Menschen ohne feste
Unterkunft registriert.
Das Magdeburger Projekt ist bundesweit einmalig und findet
überregionales Interesse. Mehrere Städte haben Interesse.
Vertreter aus Halle waren schon vor Ort. Auch die
Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe BAGW begrüßt
das Konzept. Deren Geschäftsführer Thomas Specht-Kittler
kennt zwar viele Hilfsangebote für Obdachlose, aber „was hier
neu ist, ist die kompakte Organisation und dass sich endlich
eine ARGE um Wohnungslose kümmert", sagt er. Das wäre
eigentlich Aufgabe jeder Arbeitsgemeinschaft, die für alle Hartz-
IV-Empfänger zuständig ist. Aber „solche kommunalen Projekte
sind immer von der Kreativität der Mitarbeiter und der Leitung
der Behörde abhängig", sagt Heinz Oberlach, Pressesprecher
der Bundesarbeitsagentur in Nürnberg."
Das Magdeburger Modell verlangt nach Beständigkeit.
Menschen wie Hans-Joachim Müller und Anett Göcke brauchen
Zeit, um ihre Probleme aufzulösen. Die Ein-Euro-Maßnahmen
werden bislang nur für ein Jahr bewilligt. Das hieße für beide,
dass sie ab 17.04. wieder arbeitslos sind. Noch ist unklar, ob
sie weitermachen können. Zwar trägt Müller heute saubere
Jeans und eine moderne Sportjacke und in der Tasche seine
Monatskarte. Doch seine Stimme klingt nicht gesund, seine
lederne Haut hat tiefe Furchen und ihm fehlen die
Schneidezähne. Herr Müller will gern weiter arbeiten. Er hat
viele Ziele, angefangen von Gardinen für seine Küche bis zu
regelmäßigen Zahnarztbesuchen. Später vielleicht sogar ein
Anruf bei seiner erwachsenen Tochter, die er noch nie gesehen
hat. Allein wird er all das sicher nicht schaffen. Nach 10 Jahren
auf der Straße und Alkoholabhängigkeit ist die Gefahr groß,
dass er zu seinen Kumpels zurückkehrt. Auch Anett Göcke will
unbedingt weiter arbeiten. Sie hat nicht nur wieder eine
Wohnung. Sie hat auch einen neuen Freund. Den Antrag auf
Verlängerung hat sie längst eingereicht. Auch sie hat Ziele. Sie
will Tischlerin werden.

07.01.2009, 14:33 von susa70 | 494 Aufrufe
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